Informationsarchitektur: Was ist das eigentlich?

Stellen Sie sich vor, Sie betreten in einer fremden Stadt, in einem fremden Land eine ihnen bekannte Discounter-Kette. Vermutlich sprechen Sie die Landessprache nicht und können womöglich nicht einmal die Schrift lesen. Dennoch fühlen Sie sich in diesem Laden gut aufgehoben und finden sich zurecht. Sie können ihren Einkauf tätigen. Warum? Auf Grund Ihrer Erfahrung und Ihrem intuitiven Wissen darüber, wie dieser Discounter aufgebaut ist, wo ihre Lieblingsartikel etwa stehen werden und wie Sie sich in diesem Umfeld verhalten sollen.

Was hat das mit Informationsarchitektur zu tun?

Ganz grob gesagt ist die Strukturierung von Discountern nichts anderes als ein Informationsarchitektur-Konzept, denn Informationsarchitektur beschäftigt sich damit Informationsräume zu organisieren. 

Der Fokus dieses Beitrags und des zugehörigen Fachgebietes liegt allerdings nicht in der Gestaltung von Discountern, sondern in der Organisation des größten Informationsraums überhaupt: dem Word-Wide-Web. Was jetzt nach einer Aufgabe für IT-/ und Datenspezialisten hinter den großen Suchmaschinen klingt, ist auch eine Aufgabe für jede.n Betreiber.in einer Website. Denn jede Website ist ein Informationsraum.

Die Disziplin „Informationsarchitektur“ reiht sich ein in die Gebiete rund um User Experience (UX)/Usability und ist damit ein essentieller Bestandteil im Bezug auf die Planung und Gestaltung von u.a. Websites und Online-Angeboten.

Das Ziel einer gelungenen Informationsarchitektur ist es, dass die gesuchten Informationen von Nutzer.innen möglichst effizient gefunden werden. Damit ist auch klar, dass sich die Informationsarchitektur nicht mit dem äußeren Erscheinungsbild einer Website befasst, sondern deren Grundstruktur definiert.

Eine gelungene Informationsarchitektur gewährleistet außerdem, dass die Inhalte kompakt und an der Zielgruppe orientiert beschrieben werden damit die Nutzer.innen in der Lage sind zu beurteilen, ob die Information relevant ist. Außerdem gewährleistet eine IA, dass innerhalb einer Information auch auf verwandte und weiterführende Information verwiesen wird.

Eine gute Informationsarchitektur sollte Ihnen „a place of information“ bereitstellen, in dem Sie sich zurechtfinden. Wenn ich Sie jetzt fragen würde, wie sich eine Website für einen Allgemeinarzt von einer Website eines Restaurants unterscheiden würden, dann könnten Sie mir intuitiv einige Merkmale nennen, oder?

Denken Sie einmal darüber nach. Was fällt Ihnen ein?

Für mich spielen bei beiden Websites vor allem die Öffnungszeiten und die Adresse eine wichtige Rolle. Im Fall des Restaurants suchen wir wahrscheinlich nach einer Speisekarte und Preisen, während wir dies, dank unseren Krankenkassen, bei einem Arzt eher nicht tun würden.

In beiden Fällen spielt der Kontext der Information eine entscheidende Rolle. Kontexte haben für uns einen Wiedererkennungswert, der es uns erleichtert, durch den Informationsraum zu navigieren und unsere Informationsbedürfnisse gezielt zu verfolgen. Die Informationsarchitektur und das Design sollen uns sofort den Eindruck vermitteln: Wir befinden uns im Online-Angebot eines Arztes, eines Restaurants oder einer (Online-) Bank.

Das Thema „Kontext in Informationsräumen“ ist sehr komplex und interdisziplinär. Für eine vertiefte Behandlung des Themas empfehle ich Hinton 2014.

Aber was hat Informationsarchitektur mit Architektur zu tun?

Informationsräume sind – wie physische Gebäude – meist komplex und dynamisch. Während sich das Innenleben häufig ändert, bleibt die grundlegende Struktur über die Zeit relativ konstant.

  • Die Domain (Internetadresse z.B. facebook.com) ist das Grundstück eines Informationsraums. Dieses Grundstück bleibt in den allermeisten Fällen unverändert, solange es den Informationsraum gibt.
  • Menüstrukturen entsprechen dem Mauerwerk. Diese Komponenten sollten wirklich nur im Zuge einer Kernsanierung überarbeitet werden.
  • Das Design entspricht der Außenfassade. Dieses Element zu verändern ist aufwändig und kann nicht tagtäglich geschehen, jedoch ist die Sanierung der Außenfassade durchaus alle paar Jahre nötig und machbar.
  • Websitekategorien, Sitebereiche etc. entsprechen den Türen in einem Gebäude. Diese Elemente können relativ problemlos verändert werden.
  • Die tatsächlichen Informationen, wie Texte, Bilder etc. entsprechen den Möbelstücken. Es ist völlig normal, dass sich diese Elemente in ständigem Wandel befinden.

Wann ist eine Website eigentlich gut?

Viele würden sagen: „Wenn sie super aussieht!“ Ja, mag sein. Für den ersten Eindruck ist die Optik der Website entscheidend und wie wir alle wissen: der erste Eindruck zählt. Jedoch kann ein gutes Design nicht alleine überzeugen.

Wir dürfen uns nicht auf die visuelle Komponente verlassen.. Die ausgefeilteste Visualisierung ist wertlos, wenn sie nicht mit anderen positiven Eigenschaften einhergeht. Hierzu gehören insb. die Gestaltung der Interaktion zwischen Website und Nutzer.in sowie die Strukturierung der Informationen.

Denn letztendlich besuchen wir als Nutzer.innen Websites immer mit einem bestimmten Ziel und dieses Ziel ist selten die Bewunderung eines Designs. Das Design ist Mittel zum Zweck, denn es soll den Nutzer.innen helfen ihr Ziel zu erreichen.

Sie kennen garantiert selbst Websites, die in einem dieser Bereiche eklatante Defizite aufweisen – beispielsweise ist die Interaktion äußerst umständlich oder Informationen sind so schlecht strukturiert, dass man sie nur über Umwege findet, wenn überhaupt.

Form fellows function.

„If the customer can’t find the product, the customer can’t buy it.“ (Jakob Nielsen, Usability-Experte).

Es erscheint selbsterklärend, jedoch ist es dies keinesfalls! Wenn unsere Nutzer.innen ihr Ziel nicht erreichen, weil der Newsletter hinter nichtssagenden Icons versteckt ist und der Blogbeitrag zwar spektakulär gelayoutet ist, aber in der Suchfunktion nicht auffindbar ist, dann versagt unsere Website.

„Ein Reichtum an Information führt zu einer Armut an Aufmerksamkeit“ (Herbert Simon, Träger des Wirtschaftsnobelpreises 1978)

Nutzer.innen sind daran gewöhnt im WWW auf ihre Suchanfragen schnelle Antworten zu erhalten. Dementsprechend ist es nicht nur essentiell, dass die angebotene Information auf einer Website leicht gefunden werden kann, sondern auch, dass sie in den Suchmaschinen-Treffern möglichst bei den ersten Angeboten auftaucht.

Nur wenn die Aspekte der Strukturierung, Suche und Visualisierung von Informationen sowie die Interaktion zwischen Nutzer.in und System gleichberechtigt und aufeinander abgestimmt beim Entwurf der Website berücksichtigt werden, kann eine Lösung entstehen, die nutzbar ist (Usability), Nutzen stiftet und außerdem Nutzungsfreude (Joy of Use) vermittelt. Alles zusammen kann dann für eine positive User Experience sorgen. User Experience bezieht sich nicht ausschließlich auf die Nutzung der Website selbst, sondern schließt auch den Zeitraum vor und nach der Nutzung mit ein (Erwartungen, Eindrücke etc.).

Und schließlich ist eine Website nur dann gut, wenn sie eine gute User Experience bieten kann.

Aber was sind denn nun konkrete Elemente einer Informationsarchitektur?

Für die Nutzer.innen sind besonders die offensichtlichen Strukturierungsmerkmale erkennbar:

  • Überschriften
  • Listen zur Darstellung von zusammenenhängendene Informationen
  • Bilder
  • Textblöcke

Ebenfalls können Nutzer.innen von Navigationselementen profitieren.

  • globale Navigationzur Beantwortung von Fragen wie „In was für einem Informationsraum befinde ich mich?“ und „Wohin kann ich von hier aus gehen?
  • lokale Navigation zur Beantwortung von Fragen wie „In welchem Teilbereich befinde ich mich?“ und „Wohin kann ich innerhalb dieses Teilbereichs gehen?“,
  • assoziative Navigation zur Verknüpfung von inhaltlich verwandten Informationen, z.B. über eingebettete Links,

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Einbindung von Such-Möglichkeiten, die Anreicherung der Daten durch Metadaten (Daten über Daten) und kontrolliertes Vokabular (Synonyme zum eigentlichen Suchbegriff).

Wenn ich eine Informationsarchitektur anlegen möchte, womit fange ich an?

Durch eine gelungene IA werden der Kontext der Website (Geschäftsziele, Politik, Sponsoren etc), die Nutzer.innen (Aufgaben, Bedürfnisse, Erfahrungen etc.) und die Inhalte (Dokumenttypen, Datentypen etc.) verbunden.

Eine gute Informationsarchitektur konzentriert sich auf die Bedürfnisse ihrer Nutzer.innen. Welche Inhalte sind für sie relevant? Welche Art von Informationsbedürfnis haben sie? Welches Suchverhalten ist für sie typisch?

Denken Sie doch einmal über sich selbst nach. Welche Informationsbedürfnisse haben Sie und nach was würden Sie auf ihrer Website such? Würden Sie nach sehr konkreten Informationen, wie Öffnungszeiten oder eher nach einer allgemeinen Gruppe von Informationen, wie z.B. nach verschiedenen Angeboten zu einem Artikel suchen?

Da Sie diese Frage, wenn überhaupt, nur für sich selbst beantworten können, sollte Sie die Entwicklung und Pflege einer IA nicht isoliert, sondern eingebettet in eine Strategie zum Content Management einer Organisation betrachten. Hierbei muss unbedingt vom populären Begriff: „Content-Management-Systems (CMS)“ für z.B. WordPress oder Drupal-Systemen unterschieden werden.  Daher spricht man meist von Content Strategy (CS).

Typische CS-Fragestellungen sind:

Welche Zielgruppe möchte ich ansprechen?

Welche Informationsbedürfnisse hat meine Zielgruppen?

Welche primären und sekundären Botschaften möchte ich vermitteln?

Welche Inhalte (Contents) benötige ich hierfür?

Text, Bilder oder Videos?

Art der Ansprache – z. B. formal distanziert oder persönlich kumpelhaft?

Welche Abläufe sind zu etablieren zur um Inhalte zu erfassen, zu pflegen und ggf. zu löschen?

Wer bzw. welche Rolle ist für welche Schritte dieser Abläufe zuständig?

Welche Hilfsmittel (z. B. Vorlagen) müssen für eine effiziente Arbeit bereitgestellt werden?

Aus den Antworten dieser übergeordneten Fragen lassen sich die Grundlagen für Entwurfsentscheidungen, z. B. hinsichtlich Struktur, Suche und Navigation für die IA ableiten.

Da die IA-Entwicklung untrennbar mit CS verknüpft ist, möchte ich darauf in einem der folgenden Beiträge separat eingehen.